Journalistische Wirklichkeitsangebote

21. Sep. 2011

Wie »wahr« können Medi­en­be­rich­te sein? Welche sinn­stif­ten­den Funk­tio­nen über­neh­men sie? Gedan­ken zur Rolle jour­na­lis­ti­scher Pro­duk­te.

Nach­ste­hend ein Auszug aus Martin Gert­lers Epilog zum neuen Buch »Medien zwi­schen Öko­no­mie und Qua­li­tät – Medi­en­ethik als Instru­ment der Medi­en­wirt­schaft« von Mike Fried­rich­sen und Martin Gert­ler.

Über­prüf­bar­keit ist nicht nur ein inter­na­tio­nal ange­wand­tes, wis­sen­schaft­li­ches Qua­li­täts­kri­te­ri­um – auch im Jour­na­lis­mus zählt dieses Merk­mal. Aber in vielen Situa­tio­nen über­neh­men Jour­na­lis­ten die PR-Mel­dun­gen aus Poli­tik und Wirt­schaft, ohne jeweils die mög­li­cher­wei­se ihnen gar nicht gege­be­ne Über­prüf­bar­keit anzu­mer­ken.

Osama Bin Laden?

Osama Bin Laden? Foto­mon­ta­ge aus dem Inter­net...

Ob etwa am 1. Mai 2011 tat­säch­lich jemand namens Osama Bin Laden von ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten auf­ge­spürt und erschos­sen wurde, ist für nie­man­den über­prüf­bar, da es keine unab­hän­gi­gen Beob­ach­ter gab und da die Leiche sogleich ins Meer gewor­fen worden sei, wie die amt­li­chen Stel­len und infol­ge­des­sen die Medien berich­te­ten. Für den Wis­sen­schaft­ler muss eine solche Todes­mel­dung man­gels Über­prüf­bar­keit als Behaup­tung ein­ge­stuft werden, nicht aber als eine Tat­sa­che, die stets in irgend­ei­ner Weise über­püft werden kann.

Berich­te zu poli­ti­schen Themen waren dem kri­ti­schen Rezi­pi­en­ten schon immer suspekt. Wäh­rend des Ersten Welt­kriegs hatte sich bei­spiels­wei­se, wie Johan Hemels recher­chiert hat, ein Teil der Nie­der­län­di­schen Jour­na­lis­ten von der Öster­rei­chisch-Unga­ri­schen Dop­pel­mon­ar­chie bestechen lassen. Zwar habe es damals Gerüch­te über Zah­lun­gen aus Berlin gege­ben, tat­säch­lich aber gab es mone­tär gestütz­te Mani­pu­la­tio­nen aus Wien (vgl. Hemels 2010, S. 202). Hemels ver­weist auf die Aktua­li­tät dieses Themas, das er in Zusam­men­hang bringt mit dem im Sinne der Kriegs­füh­ren­den sinn­stif­ten­den Phä­no­men des »Embed­ded Jour­na­lism« und mit jenen bekannt­lich unwah­ren Geschich­ten, die von der PR-Agen­tur Hill & Knowl­ton wäh­rend des Golf­kriegs in die Presse lan­ciert wurden.

Medien und Wahrheit

Der öster­rei­chi­sche Phy­si­ker Heinz von Foers­ter, der an der Uni­ver­si­tät von Illi­nois das Bio­lo­gi­sche Com­pu­ter-Labo­ra­to­ri­um errich­tet hatte und als einer der Begrün­der jener Erkennt­nis­theo­rie gilt, die als »Kon­struk­ti­vis­mus« bezeich­net wird, for­mu­lier­te als her­me­neu­ti­sches Prin­zip, dass der Hörer der­je­ni­ge sei, der die Bedeu­tung einer Aus­sa­ge bestim­me, nicht aber der Spre­cher. Damit wider­spricht er ent­schie­den der gän­gi­gen Auf­fas­sung, dass der Spre­cher fest­le­ge, welche Bedeu­tung seinen Aus­sa­gen zukom­me, und dass der Hörer ver­ste­hen müsse, was gesagt wurde. Nüch­tern stellt er fest, dass der Hörer die ver­nom­me­nen Laute inter­pre­tie­re und ihnen Sinn gebe (vgl. Von Foers­ter & Pörk­sen 2008, S. 100). Über­tra­gen auf jour­na­lis­ti­sche Medi­en­pro­duk­te bedeu­tet dies, dass die Medi­en­nut­zer selbst ent­schei­den, was sie von den Mit­tei­lun­gen für wahr oder sinn­voll oder nütz­lich halten und was nicht.

Medien zwi­schen Öko­no­mie und Qua­li­tät – Medi­en­ethik als Instru­ment der Medi­en­wirt­schaft

Heinz von Foers­ter berich­tet in seinem Gespräch mit Bern­hard Pörk­sen, das unter dem Titel »Wahr­heit ist die Erfin­dung eines Lüg­ners« bereits in zahl­rei­chen Auf­la­gen seit 1998 erschien, dass er zu einem Vor­trag vor ange­hen­den Jour­na­lis­ten an der Stan­ford Uni­ver­si­ty den Satz »Tell it as it is!« über der Tür gese­hen habe und dass er seine Rede daher mit dem Hin­weis begann, jener Satz müsse eigent­lich so heißen: »It is as you tell it!«. Die ursprüng­li­che For­mu­lie­rung diene den Jour­na­lis­ten bloß dazu, sich selbst zum »Tape­re­cor­der« zu sti­li­sie­ren und die Ver­ant­wor­tung für die eigene Bericht­erstat­tung nicht wahr­neh­men zu wollen.

Von Foers­ter beschreibt die Arbeit des Jour­na­lis­ten dage­gen so, dass er ein Gesche­hen beob­ach­te und seine Spra­che ein­set­ze, mit der er erst erzeu­ge, was gewe­sen sei: »Kein Mensch weiß, wie es war. Das Gewe­se­ne ist allein durch die Erzäh­lun­gen ande­rer Men­schen rekon­stru­ier­bar. Alle Dar­stel­lun­gen der Ver­gan­gen­heit sind Erfin­dun­gen von Leuten, die über die Ver­gan­gen­heit spre­chen.« (Von Foers­ter & Pörk­sen 2008, S. 100)

Aus dieser Per­spek­ti­ve lässt sich die gän­gi­ge Vor­stel­lung von Wahr­heit im Sinne einer Abbil­dung von Rea­li­tät in den jour­na­lis­ti­schen Medien nicht auf­recht­erhal­ten. Statt­des­sen wird der Jour­na­list zu einem, der durch seine eigene Kon­struk­ti­on von Wirk­lich­keit in Medien für Wirk­lich­keits­an­ge­bo­te sorgt, die von den Rezi­pi­en­ten wie­der­um für ihre je eigene Wirk­lich­keits­bil­dung genutzt werden können. Dabei sorgen Medien für immer neue Kon­struk­ti­ons­an­ge­bo­te – nur so können sie sich am Markt halten, denn nur so sind die Nutzer bereit, für sie zu zahlen.

Auch der Blick auf die jour­na­lis­ti­schen Arbeits­pro­zes­se zeigt, dass die Medi­en­pro­duk­ti­on nicht zur Wahr­heits­pro­duk­ti­on dienen kann. Die jour­na­lis­ti­sche Medi­en­pro­duk­ti­on voll­zieht sich in ihren eige­nen Sys­te­men und unter­liegt dabei prin­zi­pi­ell unter­schied­li­chen Selek­ti­ons­pro­zes­sen:

  • Zum einen gelten Nach­rich­ten­wer­te und Nach­rich­ten­fak­to­ren wie Zeit, Nähe, Status, Dyna­mik, Valenz, Iden­ti­fi­ka­ti­on und Umsetz­bar­keit in Bilder (vgl. Ruß-Mohl 2003, S. 124 - 139 ). Wei­te­re Selek­to­ren sind Neu­ig­keits­wert, Kon­flikt­an­tei­le, Quan­ti­tä­ten, loka­ler Bezug, Norm­ver­stö­ße / Skan­da­le und geäu­ßer­te Mei­nun­gen (vgl. Luh­mann 2004, S. 58 - 72). Danach gewich­ten Redak­tio­nen die ein­ge­hen­den Infor­ma­tio­nen und wählen aus.
  • Zum ande­ren folgt die Selek­ti­on auch ver­le­ge­ri­schen, unter­neh­me­ri­schen, poli­ti­schen und wei­te­ren Inter­es­sen, die für das jewei­li­ge Publi­ka­ti­ons­haus gelten und nicht immer offen­ge­legt werden.

Wo so viel Aus­wahl erfolgt, wo gewich­tet und dazu pas­send in Umfang und Tona­li­tät ver­kürzt oder ver­tieft berich­tet wird, kann nur von Kon­struk­ti­on die Rede sein, nicht aber von Wahr­heit. Den­noch halten Men­schen für wahr, was ihnen via Medien berich­tet wird – wie sie auch für wahr halten, was ihnen im Gespräch mit der Nach­ba­rin am Gar­ten­zaun berich­tet wird, sofern sie sie für glaub­wür­dig halten.

Medien und Sinngebung

Der Jour­na­list kann also nicht ein ver­läss­li­cher Bote der Wahr­heit sein, den­noch trägt er stets zur Sinn­stif­tung der Rezi­pi­en­ten bei. Dessen sollte er sich bewusst sein. Seine eigene Welt­an­schau­ung wird dort ein­flie­ßen, wo er nicht nur berich­tet, son­dern auch kom­men­tiert. Welt­an­schau­ung soll hier als das ver­stan­den werden, was das Wort sagt: die Art und Weise, wie jemand die Welt sieht. Dabei lassen sich auch im Stu­di­um erwor­be­ne oder ver­tief­te Para­dig­men, etwa über die Sinn­haf­tig­keit unse­res poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Sys­tems, als Bestand­tei­le von Welt­an­schau­ung wahr­neh­men. Impul­se von Manage­ment-Gurus und Mach­bar­keits-Ideo­lo­gen sowie von expli­zit welt­an­schau­li­chen und reli­giö­sen Grup­pie­run­gen zählen dazu.

Auch für den Jour­na­lis­ten dürfte eine Aus­ein­an­der­set­zung mit sol­chen Fragen hilf­reich sein, um seine eigene Rolle bei der Sinn­ge­bung der Rezi­pi­en­ten zu ver­ste­hen. Er hält es bei seiner Arbeit mit der eige­nen Wirk­lich­keits­kon­struk­ti­on nicht anders als seine Rezi­pi­en­ten: Er ver­traut den einen mehr, den ande­ren weni­ger. Somit wird er die für ihn glaub­wür­di­ge­ren Quel­len wie auch die für ihn glaub­wür­di­ge­ren Posi­tio­nen bevor­zugt wei­ter­kom­mu­ni­zie­ren. So kommt es gar zu direk­ten sprach­li­chen Sinn­stif­tun­gen, etwa wenn in jour­na­lis­ti­schen Berich­ten über Gewalt im Nahen Osten bei der einen Seite von »mili­tan­ten Kämp­fern« die Rede ist, bei der ande­ren Seite von »Sicher­heits­kräf­ten«, selbst wenn es sich dabei um Über­fall­kom­man­dos han­del­te.

Am Tag des Bom­ben­an­schlags in Oslo und des Mas­sa­kers auf der Insel Utøya im Juli 2011 berich­te­ten die Medien zunächst von »Ter­ror­an­schlä­gen« – als sich aber abzeich­ne­te, dass es sich um einen Ein­zel­tä­ter han­deln könnte, bezeich­ne­ten sie ihn nur noch als »Atten­tä­ter« und als »Ver­rück­ten«, wohl weil im Unter­schied zu noch so klei­nen Grup­pie­run­gen übli­cher­wei­se einem Ein­zel­nen keine poli­ti­sche Moti­va­ti­on zuer­kannt wird, was hier erkenn­bar den­noch der Fall war.

Die genann­te Glaub­wür­dig­keits­spi­ra­le kann bei Jour­na­lis­ten sogar so weit gehen, dass unprüf­ba­re Mel­dun­gen staat­li­cher Stel­len als Tat­sa­chen gemel­det und kom­men­tiert werden. Der ein­gangs erwähn­te, behaup­te­te und nicht über­prüf­ba­re Tod eines Osama Bin Laden wurde gar von Jour­na­lis­ten gerecht­fer­tigt; dies geschah ange­sichts der eben­falls nicht über­prüf­ba­ren »Tat­sa­che«, dass er für mehr als 3.000 Tote in New York im Jahr 2001 ver­ant­wort­lich und daher einer der größ­ten Böse­wich­te gewe­sen sei. Die hin­ge­gen für jeder­mann über­prüf­ba­re Tat­sa­che, dass das FBI expli­zit nur wegen Ver­bre­chen außer­halb der USA nach ihm fahn­de­te und ihn offen­bar nicht dessen bezich­tig­te, was Poli­tik und Medien über ihn behaup­te­ten, blieb außen vor (vgl. http://www.fbi.gov/wanted/wanted_terrorists/usama-bin-laden).

Selbst wenn aus kon­struk­ti­vis­ti­scher Per­spek­ti­ve der Emp­fän­ger der Nach­richt deren Bedeu­tung bestimmt und nicht der Sender, und selbst wenn daher Medien nicht Wir­kun­gen zuge­schrie­ben werden können, die unab­hän­gig vom Wollen der Nutzer ent­ste­hen, leis­ten doch auch solche frag­wür­di­gen Medi­en­an­ge­bo­te ihren Bei­trag zur Wirk­lich­keits­kon­struk­ti­on ihrer Rezi­pi­en­ten und damit auch zu Kon­sens- und Sinn­stif­tungs­kon­struk­tio­nen inner­halb von Grup­pen und Gesell­schaf­ten.

 

Lite­ra­tur

  • Hemels, Joan (2010): Een jour­na­lis­tiek geheim onts­lu­ierd: de Dub­bel­mon­ar­chie en een geval van dub­be­le moraal in de Neder­land­se pers tij­dens de Eerste Werel­do­or­log. Spin­huis Uitg., Apel­do­orn.
  • Luh­mann, Niklas (2004): Die Rea­li­tät der Mas­sen­me­di­en. 2. Aufl., West­deut­scher Verlag, Opla­den.
  • Ruß-Mohl, Ste­phan (2003): Jour­na­lis­mus: das Hand- und Lehr­buch. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Buch im FAZ-Insti­tut, Frank­furt am Main.
  • von Foers­ter, Heinz/Pörksen, Bern­hard (2008): Wahr­heit ist die Erfin­dung eines Lüg­ners: Gesprä­che für Skep­ti­ker. Carl-Auer-Sys­te­me-Verlag, Hei­del­berg.

 

Allgemein
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