Kleine Werte und große Werte

18. Nov. 2013

So über­schrieb Prof. Dr. Harry Kun­ne­man seine »Oratie«, eine Inau­gu­rale Rede am 12. Novem­ber 2013 in Utrecht. Er unter­strich dabei aus sozial-philosophischer Per­spek­tive die Bedeu­tung nor­ma­ti­ver Pro­fes­sio­na­li­sie­rung für das Ent­wi­ckeln men­schen­wür­di­ger Ant­wor­ten auf die großen Fragen unse­rer Zeit.

Anlass des Fest­akts war die Annahme eines per­sön­li­chen Lehr­stuhls an der Uni­ver­si­tät, an der er bisher den größ­ten Teil seines aka­de­mi­schen Lebens ver­bracht hat: an der Uni­ver­sity for Huma­nistic Stu­dies (UvH).

Einer­seits macht er sich große Sorgen über die welt­weite Domi­nanz neo­li­be­ra­ler Werte und über die dazu­ge­hö­rige kurz­sich­tige Ori­en­tie­rung auf ein ver­meint­lich gren­zen­lo­ses öko­no­mi­sches Wachs­tum. Er legte dar, dass die neo­li­be­ra­len Werte zu klein seien im Ver­hält­nis zur Kom­ple­xi­tät der glo­ba­len Fragen, vor denen wir stehen. Sie ver­führ­ten dazu, die Kom­ple­xi­tät zu redu­zie­ren – und wo das nicht gelinge, die Kom­ple­xi­tät zu ver­drän­gen. Die öko­lo­gi­schen Pro­bleme, die auf uns zukom­men, böten dazu stark beun­ru­hi­gende Bei­spiele an.

Gespannte Zuhörer

Ande­rer­seits schöpft er Hoff­nung aus dem zuneh­men­den Ver­ständ­nis dafür, dass wir grö­ßere Werte benö­ti­gen, sowie aus allen damit ver­bun­de­nen heu­ti­gen Bewe­gun­gen, die nach Werten und Prak­ti­ken suchen und die uns helfen, unsere Welt und unse­ren Zukunfts­hori­zont zu ver­grö­ßern anstelle sie zu ver­klei­nern; dabei gehe es um Werte und Prak­ti­ken, die uns helfen, die Kom­ple­xi­tät der Fragen, vor denen wir stehen, anzu­pa­cken anstatt sie zu verdrängen.

Dies bezeich­net er als die poli­ti­sche Per­spek­tive, von der aus er in den kom­men­den Jahren zusam­men mit Kol­le­gen und Pro­mo­vendi for­schen will auf dem Gebiet »nor­ma­ti­ver Professionalisierung«.

Er struk­tu­rierte seine Vor­le­sung in diese fünf Punkte:

  1. Post­mo­der­nes Denken als gelun­ge­nes Misslingen
  2. Ver­ti­kale und hori­zon­tale Moralität
  3. Ver­ti­kale und hori­zon­tale Erkenntnistheorien
  4. Die zweite Postmoderne
  5. Die poli­ti­sche Bedeu­tung nor­ma­ti­ver Professionalisierung

Im vier­ten Kapi­tel wid­mete er sich der aus seiner Sicht not­wen­di­gen Hal­tung einer »amor com­ple­xi­ta­tis«, jener kon­struk­ti­ven Umge­hens­weise mit Kom­ple­xi­tät, vor der die bis­he­rige Post­mo­derne resi­gniert habe.

Und im fünf­ten Kapi­tel zog er daraus Schlüsse für das Kon­zept der »Nor­ma­ti­ven Pro­fes­sio­na­li­sie­rung«, dem er sich bereits seit vielen Jahren an der UvH in Utrecht widmet – hier nun ergänzt um eine expli­zit poli­ti­sche Dimension.

Eine neue Stufe erreicht

Professoren in der DiskussionDamit hat Harry Kun­ne­man erkenn­bar eine nächste Stufe in seiner bis­he­ri­gen For­schungs­ar­beit erreicht. Nach­dem er nun mit Errei­chen des Pen­si­ons­al­ters nicht mehr auf kon­krete Anwen­dungs­be­züge in Wirt­schaft und Gesell­schaft und auf ent­spre­chende Aus­bil­dungs­be­lange in den Stu­di­en­an­ge­bo­ten seiner Uni­ver­si­tät ange­wie­sen ist, kann er sich for­schend dem Grund­sätz­li­chen widmen, und er tut dies zugleich mit klarem Anwendungsbezug.

Viele Weg­ge­fähr­ten, Kol­le­gen und Absol­ven­ten sowie seine Fami­lie waren zuge­gen und erleb­ten diese inten­sive, mit­un­ter mit­rei­ßende Rede. Der Applaus in der voll besetz­ten Aula wollte schier nicht enden.

Dank an Harry KunnemanFür mich war es ein bewe­gen­der Abend und eine Gele­gen­heit, ihm zu danken für die frucht­ba­ren Jahre der Zusam­men­ar­beit in der bis zum Sommer 2013 von ihm gelei­te­ten “Gra­duate School” der UvH.

Ein Druck seiner Rede ist bereits in der Schrif­ten­reihe der UvH erschie­nen, leider nur in nie­der­län­di­scher Spra­che. Die Bedeu­tung seines Ansat­zes dürfte jedoch über die Lan­des­gren­zen hinaus Beach­tung finden.

Allgemein
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