Kein Abschied von Leistungspunkten

23. Jul. 2016

Die gemein­same Erklä­rung von KMK und HRK zur Euro­päi­schen Stu­di­en­re­form weicht das Leistungspunkte-System kei­nes­wegs auf. Das Kaf­fee­satz­le­sen der F.A.Z. vom 22. Juli 2016 ver­kennt längst bekannte hoch­schu­li­sche und akkre­di­tie­rungs­re­le­vante Rege­lun­gen und geht ins Leere. 

Das Punk­te­sys­tem sei das große Ver­spre­chen der Bologna-Reform gewe­sen, doch habe es sich inzwi­schen als untaug­lich erwie­sen und werde nun „still­schwei­gend beer­digt“, wird in dem Feuilleton-Beitrag behauptet.

Dabei wird aber geflis­sent­lich über­se­hen, dass seit 19 Jahren die Aner­ken­nungs­vor­gabe in ganz Europa gemäß der „Lis­sa­bon Kon­ven­tion“ genau nicht mehr auf quan­ti­ta­tive, son­dern qua­li­ta­tive Merk­male setzt – und dass Kul­tus­mi­nis­ter und Hoch­schul­rek­to­ren ihre Hin­weise mit dieser längst gesetz­li­chen Vor­gabe begründen.

Lis­sa­bon Kon­ven­tion: „wesent­li­cher Unterschied“

Die Lis­sa­bon Kon­ven­tion for­derte bereits 1997 die Abkehr von der vom Antrag­stel­ler (Hoch­schul­wechs­ler) zu bewei­sen­den „Gleich­wer­tig­keit“ zuguns­ten von „wesent­li­chen Unter­schie­den“, die sei­tens der aner­ken­nen­den Hoch­schule zu prüfen und zu bewei­sen sind.

Keine Rolle aber spielt – seit 1997 – eine über­ein­stim­mende Zahl von Leis­tungs­punk­ten bei der Aner­ken­nung von Leis­tun­gen beim Hochschul- oder Studiengangswechsel.

FIBAA Con­sult hat dazu in einem Arbeits­pa­pier (2012) die län­der­ge­mein­sa­men Struk­tur­vor­ga­ben als Akkre­di­tie­rungs­vor­gabe zitiert. Dort geht es eben­falls um „Lern­er­geb­nisse“, nicht Anzah­len von Leistungspunkten:

„Die wech­sel­sei­tige Aner­ken­nung von Modu­len bei Hochschul- und Stu­di­en­gangs­wech­sel ist mit hand­hab­ba­ren Rege­lun­gen in den Studien- und Prü­fungs­ord­nun­gen zu ver­an­kern und in der Akkre­di­tie­rung zu bestä­ti­gen. Sie beruht auf der Qua­li­tät akkre­di­tier­ter Stu­di­en­gänge und der Leis­tungs­fä­hig­keit staat­li­cher oder akkre­di­tier­ter nicht staat­li­cher Hoch­schu­len im Hin­blick auf die erwor­be­nen Kom­pe­ten­zen der Stu­die­ren­den (Lern­er­geb­nisse) ent­spre­chend den Rege­lun­gen der Lissabon-Konvention (Art. III). Dem­zu­folge ist die Aner­ken­nung zu ertei­len, sofern keine wesent­li­chen Unter­schiede hin­sicht­lich der erwor­be­nen Kom­pe­ten­zen beste­hen (Art. V) (vgl. Län­der­ge­mein­same Struk­tur­vor­ga­ben für die Akkre­di­tie­rung von Bachelor- und Mas­ter­stu­di­en­gän­gen i.d.F.v. 4.2.2010, Anlage „Rah­men­vor­ga­ben für die Ein­füh­rung von Leis­tungs­punkt­sys­te­men und die Modu­la­ri­sie­rung von Stu­di­en­gän­gen“, Stan­dard 1.2 Anerkennung) .“

Ent­spre­chende Umset­zun­gen: allerorten!

2010 hatte die Uni­ver­si­tät Ham­burg ihre Hand­rei­chung aus­ge­ge­ben, die in ihren Fall­bei­spie­len 2 und 3 deut­lich macht, dass LP keine Rolle spie­len bei der Aner­ken­nung, dass mehr als not­wen­dig erwor­bene LP jedoch zusätz­lich aner­kannt werden an mög­li­cher Stelle im Studienverlauf:

Fall­bei­spiel 2: Ein anzu­er­ken­nen­des Modul hat bei einem ver­gleich­ba­ren Kom­pe­tenz­er­werb weni­ger Leis­tungs­punkte als in Ihrem Studiengang.

Lösungs­an­satz: Der Prü­fungs­aus­schuss erkennt das Modul als gleich­wer­tig (mit der Leis­tungs­punk­te­an­zahl, die im jewei­li­gen Stu­di­en­gang für das Modul vor­ge­se­hen ist) an.

Fall­bei­spiel 3: Das anzu­er­ken­nende Modul hat bei einem ver­gleich­ba­ren Kom­pe­tenz­er­werb mehr Leis­tungs­punkte als in Ihrem Studiengang.

Lösungs­an­satz: Der Prü­fungs­aus­schuss erkennt das Modul als gleich­wer­tig (mit der Leis­tungs­punk­te­an­zahl, die im jewei­li­gen Stu­di­en­gang für das Modul vor­ge­se­hen ist) an. Leis­tungs­punkte werden auf den ABK- Bereich ange­rech­net, sofern die erwor­be­nen Kom­pe­ten­zen dies ermög­li­chen bzw. es erfolgt eine Anrech­nung im Wahl­be­reich.

Diese Hand­rei­chung war seit­her wört­lich oder sinn­ge­mäß von diver­sen Hoch­schu­len über­nom­men und mit­un­ter auch publi­ziert worden.

Der Ver­fas­ser dieses Storify-Beitrags hatte die Ham­bur­ger Hand­rei­chung 2013 für seine Hoch­schule auf­be­rei­tet und sie wird seit­dem dort erfolg­reich vom Prü­fungs­aus­schuss umge­setzt. Auch wurde sie in anschlie­ßen­den Pro­gramm­ak­kre­di­tie­run­gen als rich­tig im Sinne der Lis­sa­bon Kon­ven­tion bestätigt.

Auch an der Uni Bie­le­feld gilt Lissabon

Das „BPO-Studienmodell 2011“ (!) der Uni Bie­le­feld for­mu­lierte eben­falls fernab von Leis­tungs­punkt­ver­glei­chen die Ori­en­tie­rung an den erwor­be­nen Kom­pe­ten­zen von Antrag­stel­lern – gemäß der Lis­sa­bon Kon­ven­tion, die längst ins Bun­des­ge­setz ein­ge­gan­gen war und auch in NRW inzwi­schen ins Landesgesetz:

„§ 20 Aner­ken­nung von Stu­di­en­zei­ten und Leistungen

(1) Stu­di­en­zei­ten und bestan­dene, nicht bestan­dene oder erbrachte Leis­tun­gen (Studien- und Prü­fungs­leis­tun­gen), die in einem Hoch­schul­pro­gramm erbracht wurden, werden aner­kannt, sofern hin­sicht­lich der erwor­be­nen Kom­pe­ten­zen kein wesent­li­cher Unter­schied zu den Leis­tun­gen besteht, die ersetzt werden; alle vor­ge­nann­ten Leis­tun­gen werden im Tran­script doku­men­tiert. Als Stu­di­en­zeit ist jeder Bestand­teil eines Hoch­schul­pro­gramms anzu­se­hen, der beur­teilt und für den ein Nach­weis aus­ge­stellt wurde und der, obwohl er allein kein voll­stän­di­ges Stu­di­en­pro­gramm dar­stellt, einen erheb­li­chen Erwerb von Kennt­nis­sen oder Fähig­kei­ten mit sich bringt.“

Fazit

Der feuille­to­nis­ti­sche Bei­trag in der F.A.Z. vom 22. Juli 2016 erwähnt die Lis­sa­bon Kon­ven­tion von 1997 erst gar nicht. Statt­des­sen bas­telt er mit seinen Pas­sa­gen, die Kul­tus­mi­nis­ter und Hoch­schul­rek­to­ren hätten mit dieser gemein­sa­men Erklä­rung das ECTS-Punkte-System fak­tisch auf­ge­ge­ben, eine unhalt­bare und unlo­gi­sche Konstruktion:

„Für die Aner­ken­nung einer Leis­tung soll es, so die Inten­tion der Kul­tus­mi­nis­ter, künf­tig völlig egal sein, ob ein Modul, ein Semi­nar oder eine Haus­ar­beit mit drei, acht oder fünf­zehn ECTS-Punkten aus­ge­wie­sen ist.“  – Sorry, aber die Kul­tus­mi­nis­ter hatten in ihrer Erklä­rung vom 15. Juli 2016 ein­fach nur auf das hin­ge­wie­sen, was eh seit 1997 gilt - und seit vielen Jahren an vielen unse­rer Hoch­schu­len längst Praxis ist.

PS:
Wäre in jenem Zei­tungs­bei­trag – wie eigent­lich erwart­bar – die Lis­sa­bon Kon­ven­tion als Grund­lage der gemein­sa­men Erklä­rung von KMK und HRK auf­ge­grif­fen und erläu­tert worden, hätte sich dessen Publi­ka­tion erüb­rigt, ebenso diese hier...

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