Wissenschaftsrat gegen die zunehmende Publikationsflut

02. Mai. 2015

Mit dem Begriff der »wis­sen­schaft­li­chen Inte­gri­tät« will der Wis­sen­schafts­rat den Blick über die grund­le­gen­den Regeln einer guten wis­sen­schaft­li­chen Praxis hinaus erwei­tern: Es geht um eine Kultur der Red­lich­keit und Qua­li­tät - und damit auch um eine Reduk­tion der »Publikationsmasse«.

Für die Anwen­dung und Ver­in­ner­li­chung von Regeln sei eine Hal­tung der Inte­gri­tät wich­tig. Zu den Rah­men­be­din­gun­gen der Inte­gri­tät zähl­ten die Ver­mitt­lung guter wis­sen­schaft­li­cher Praxis vom Beginn des Stu­di­ums an, gute Bera­tung und Auf­klä­rungs­struk­tu­ren in Kon­flikt­fäl­len sowie eine stär­kere Aus­rich­tung auf Qua­li­tät als auf Quan­ti­tät in der Forschungs- und Publikationspraxis.

Die jüngs­ten Emp­feh­lun­gen des Wis­sen­schafts­ra­tes widmen sich nicht nur gra­vie­ren­den Fällen des Wis­sen­schafts­be­trugs wie Daten­fäl­schung oder Pla­gia­ten, son­dern betrach­ten auch die Grau­zo­nen nicht inte­gren oder unver­ant­wort­li­chen Verhaltens.

Es geht um alle For­schungs­pro­zesse sowie um das Stu­dium als ent­schei­dende Phase für die Ent­wick­lung wis­sen­schaft­li­cher Integrität.

Kritik an der Verlagspraxis

Der Wis­sen­schafts­rat erwar­tet von Her­aus­ge­bern, den Zugang zu For­schungs­da­ten und die Trans­pa­renz des For­schungs­pro­zes­ses ins­ge­samt zu beför­dern. Die Publi­zier­bar­keit von Repli­ka­ti­ons­stu­dien und nega­ti­ven For­schungs­er­geb­nis­sen seien zu ver­bes­sern. Die Ver­lags­po­li­tik dürfe nicht zu einer selek­ti­ven Aus­wahl von For­schungs­the­men führen und damit Anreize für wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten setzen. (S. 30/31)

Kritik an der Zitationspraxis

Mit deut­li­chen Worten beklagt der Wis­sen­schafts­rat den hohen Publi­ka­ti­ons­druck und die stark quan­ti­ta­tiv aus­ge­rich­tete Leis­tungs­be­wer­tung in der For­schung. Hier seien lang­fris­tige Ver­än­de­run­gen not­wen­dig, die auf natio­na­ler Ebene allein nicht zu bewir­ken seien.

Indi­ka­to­ren auf der Grund­lage von Zita­ti­ons­da­ten­ban­ken reich­ten nicht aus, um die Qua­li­tät von For­schung zu bewer­ten bzw. könn­ten ver­zer­rend wirken, so das Posi­ti­ons­pa­pier. Ein­fa­che Zita­ti­ons­in­di­ka­to­ren beför­der­ten Zitier­kar­telle bzw. seien durch diese mani­pu­lier­bar. Mono­gra­phien und andere Indi­ka­to­ren für For­schungs­leis­tun­gen wie Preise, Patente, ein­ge­la­dene Vor­träge u. a. blie­ben in jenem Bewer­tungs­sys­tem unberücksichtigt.

Der Wis­sen­schafts­rat for­dert, dass Hoch­schu­len und För­der­or­ga­ni­sa­tio­nen mehr qualitäts- statt quan­ti­täts­be­zo­gene Kri­te­rien in der Leis­tungs­be­wer­tung berück­sich­ti­gen, und ver­weist auf die DFG-Richtlinie, die die Beschrän­kung auf die wich­tigs­ten Publi­ka­tio­nen bei Anträ­gen und Berich­ten an die DFG vor­gibt. (S. 31/32)

Kritik an der Publikationsmenge

»Der Wis­sen­schafts­rat weist erneut darauf hin, dass unre­zi­pier­bare Mengen von Publi­ka­tio­nen den eigent­li­chen Sinn der Publi­ka­ti­ons­pflicht kon­ter­ka­rie­ren, die ursprüng­lich der Kom­mu­ni­ka­tion und Über­prüf­bar­keit neuer For­schungs­bei­träge durch die wis­sen­schaft­li­che Gemein­schaft dienen sollte. Alle Akteure sind dazu auf­ge­ru­fen, den lang­fris­tig not­wen­di­gen Wandel hin zu einer stär­ker qua­li­ta­ti­ven For­schungs­be­wer­tung und damit Reduk­tion der Publi­ka­ti­ons­masse zu beför­dern.« (S. 32)

In diesem Zusam­men­hang weist der Wis­sen­schafts­rat darauf hin, dass Alter­na­ti­ven für die Funk­tion der inner­wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­be­wer­tung inzwi­schen Modelle wie z. B. Open-Review-Verfahren oder Post-Publication-Review im Gespräch sind.

Kritik an der Intrans­pa­renz bei gemein­sa­men Publikationen

Auch kri­ti­siert das Posi­ti­ons­pa­pier die Intrans­pa­renz der ein­zel­nen For­schungs­leis­tun­gen bei den zahl­rei­chen gemein­sa­men Publi­ka­tio­nen, die inzwi­schen inter­na­tio­nal üblich sind und zu denen aus­län­di­sche Uni­ver­si­tä­ten mit­un­ter vom Geld­ge­ber - auch der öffent­li­chen Hand - ver­pflich­tet werden, nach dem Motto: mehr Output = mehr Leistung:

»Schließ­lich müssen für gemein­same Publi­ka­tio­nen klare Stan­dards eta­bliert und ein­ge­hal­ten werden, welche die Ein­zel­leis­tun­gen der Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler trans­pa­rent dar­stel­len. Sie soll­ten durch die Fach­ge­sell­schaf­ten und Fakul­tä­ten­tage fest­ge­legt und in den jewei­li­gen For­schungs­grup­pen zu Beginn des Pro­jek­tes als ver­bind­lich kom­mu­ni­ziert werden.« (S. 33)

Kom­men­tar: Gegen den Trend gebürstet

Mit diesem Posi­ti­ons­pa­pier greift der Wis­sen­schafts­rat inter­na­tio­nale Gepflo­gen­hei­ten an, die seinem Ver­ständ­nis einer guten wis­sen­schaft­li­chen Praxis sub­stan­ti­ell widersprechen.

Dass etwa die Menge der (mit wem auch immer gemein­sa­men) Publi­ka­tio­nen und die der Zita­tio­nen ein glaub­wür­di­ger Indi­ka­tor für wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät sei, hatte sich dem nüch­tern Den­ken­den noch nie erschlossen.

Gese­hen bei ResearchGate.net. Wie sub­stan­ti­ell können so viele Publi­ka­tio­nen sein - welche eigen­stän­dige Unter­su­chung lässt sich binnen weni­ger Wochen durch­füh­ren und abschließen?

Und pro­ble­ma­tisch ist, dass minis­te­ri­elle Finanz­pla­ner in Nach­bar­län­dern die Anzahl der Publi­ka­tio­nen und Zita­tio­nen zur Bemes­sung der Finan­zie­rung von Stel­len­pla­nung und For­schungs­mit­tel verwenden.

Sol­ches ver­führt zu einem nicht mehr zu brem­sen­den oppor­tu­nis­ti­schen Denken: Man ver­pflich­tet jeden, den man bei einem Pro­mo­ti­ons­vor­ha­ben betreut, auf z. B. vier Publi­ka­tio­nen in Jour­nals und bean­sprucht dabei tra­di­ti­ons­ge­mäß, zusam­men mit den ande­ren Betreu­ern als Mit­au­tor genannt zu werden.

Dieses Modell lässt sich auch auf alle Mit­wir­ken­den an For­schungs­pro­jek­ten und auf die Ver­wer­tung von regu­lä­ren Abschluss­ar­bei­ten aus­wei­ten. So kann ein Prof pro­blem­los an ein Dut­zend gelis­tete Publi­ka­tio­nen pro Jahr gelan­gen, ohne auch nur eine Zeile selbst geschrie­ben und erforscht zu haben.

Hinzu kommt, dass jedes­mal alle vor­he­ri­gen gemein­schaft­li­chen Publi­ka­tio­nen zitiert werden - schon steigt der Zitationsfaktor.

Da Deutsch­land ein nicht unbe­deu­ten­der Stand­ort der For­schung ist, dürfte dieses wich­tige Posi­ti­ons­pa­pier des Wis­sen­schafts­rats - als »Emp­feh­lung« bezeich­net - für ein Auf­hor­chen in einer auf Quan­ti­tät statt Qua­li­tät ori­en­tier­ten Forschungs- und Finan­zie­rungs­welt Euro­pas und dar­über hinaus sorgen.

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